Fritz von Herzmanovsky-Orlando
Der Zeichner

textlich begleitet von Arnulf Meifert

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Carls Kirche, 1895

Zuerst denkt man an die schwarze Romantik des doppel-begabten Kollegen Victor Hugo, aber es ist die Wiener Karlskirche, nachtschwarz entrückt.
(Nach einem Stich von 1822, auf dem der Wien-Fluss noch dominiert.)

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Die Vorenthaltung gerechten Liedlohnes, 1897

Eines der seltenen frühen Blätter, doppelt mit der Dürer-Hommage ausgestattet, das sich auch als „Anno Domini“ lesen lässt.
Der Fiaker ist wohl nur für die Beförderung, aber nicht für die Begleitmusik entlohnt worden.

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Ex Libris, um 1897

Künstlerischer Auftakt im Stil der Münchner „Jugend“ (gegründet 1896).

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Ex Libris, 1897

Erneut vielleicht für sich selbst, mit vierblättrigem Kleeblatt des Glückes wegen – er wird’s noch brauchen können.

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Carmen voraus, um 1897

Der Typus seiner späteren Frau und Muse, lange vor dem Kennenlernen (per Annonce!) im Jahr 1909.

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Ex Libris, 1897

Diesen Entwurf hat er sich vielleicht selbst zugedacht, deshalb die zweite FH-Signatur.

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Ex Libris, um 1897

Das Bucheigner-Zeichen für jemand, der wohl „ Hochgeistiges“ zu schätzen weiß.

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Der Born, 1899

Ein Brunnenentwurf mit Engel, der Wasser lässt.

Verso: Kuriose weitere Fassung der Figur.

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Architekturstudien, 1897

Sauber ausgeführte Studien des jungen Architekturstudenten.

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Park, 1899

Kleine Gartenarchitektur im „Modern Style“.

Verso: Sechs groteske Szenen.

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Tanz, 1899 (aus Zeichenblock München)

Es könnte sich um das Thema „Salome“ handeln, die Räumlichkeit war dem Zeichner offensichtlich nicht wichtig, trotz des Realismus der drei Frauenfiguren. Vielleicht aber auch nur eine Salome aus dem Münchner Künstlerfasching.

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Ionia, um 1897

Die farblich reizvolle Allegorie auf ein mythisches Griechenland zeigt seinen Idealtypus Carmen, die er tatsächlich erst 1909 kennen und lieben lernte.

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Engel, 1899

Ein außergewöhnliches Blatt, München 1899, signiert mit 18H99. Dicht ausgeführt, verweist es auf die Kontakte FHOs zum George-Kreis, die man bei seinem Aufenthalt zugrunde legen darf.

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Radierung, um 1900

Die gezeigte Druckgraphik entstand 1897-1903, in der Münchner Zeit. Sie nimmt inhaltlich teils Bezug, wie am Engel ersichtlich, teils geht sie thematisch eigene Wege. In den Techniken reicht sie von der Radierung (teils koloriert) bis zum Holzschnitt.

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Holzschnitt, um 1900

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Seeszene, 1917

Neptun/Poseidon mit Gefolge im Spiel der Wellen.
So harsch bewegt das Meer, so wild der Strich des (Feder-) Zeichners.

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Rinnbach 1915

Eine ländliche Szene, von kräftiger Feder strukturiert. Die gewisse düstere Schwärze wird von Baum und gleichsam skelettiertem Vieh noch verstärkt.

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Auf der Lauer, um 1907

Warten diese zwei Wasserwesen auf die Seelen der Schiffbrüchigen oder bevorzugen sie eher das Frischfleisch? Sie wirken umso beeindruckender, als der Zeichner ihren Lebensraum Meeresgrund direkt unter den Wasserspiegel versetzt.

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Der Streit, 1916

Im dritten Kriegsjahr von Weltkrieg I dürften sich die Leute über Sinn und Zweck, Erfolg und Scheitern des Völkerschlachtens gestritten haben (s. Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit). Oder streitet man nur wegen der Hundsviecher? Die kläffen jedenfalls mit.

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Padova, 1910

Dazu hätte Paul Flora vielleicht gesagt:
„Als wär´s ein Stück von mir“

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(Linzer) Honoratioren, 1916

Das Vorbild Daumier lässt grüßen – und natürlich stinken die Herren der Schöpfung ab zugunsten der Dame.

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Insel-Grazien, 1917

FHOs spezifische Form eines mythologischen Impressionismus per Buntstift.

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Spaziergang, um 1915

Es bleibt offen, ob die Damen im Frühling der ersten oder im Herbst der letzten Blätter lustwandeln.
Nur gelegentlich nutzte der Zeichner die Feder und ihre Möglichkeiten.

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Tennis, um 1915

Hier gibt der Hund den Schiedsrichter zwischen den spielenden Frauen.
Oder sagt die Zeichnung: „Dieser Schiedsrichter is scho a Hund!“?
So oder so: ein Blatt für Freunde des Themas „Der Sport in der Kunst“.

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Himmelszeichen, um 1905

Paraphrase auf ein gängiges Motiv des 16. Jahrhunderts.
Je nachdem, ob es sich um einen Engel oder eine Furie handelt, verteilt die strahlende Hand Segen oder Fluch auf Meer und Schiffe, Inseln und Bauten.

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Elefant und Mäusedame, 1917

Sie: Willst du wie ich verwandelt sein?
Er: (schweigt)
Sie: Dann fordere ich dich überm Schnupftuch zum Liebesduell!

Ein Tiermärchen, das eine Geschichte im Kopf des Betrachters anregt.

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Mater, um 1915

Zu Füßen der Mutter Gottes als Bittsteller FHO (schwer erkrankt), CHO (kinderlos) und Zwergbulldogge Tomy, der tröstende Dritte (Kind-Ersatz).

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o.T. (=ohne Text, aber nicht mehr lang), 1912

Dunkel war’s, das Bier schäumt' helle,
als ein Dickwanst blitzesschnelle,
...
(zur launigen Fortsetzung für jedermann freigegeben!)

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Die Schöpfung, 1907

Gerade geht es wohl um den kleinen Lurch – beschwert er sich vielleicht beim Schöpfer?
Beim Baum ist noch nicht klar, ob er Monster wird oder Birke.
Das Hunderl schlechthin ist auch schon erschaffen.

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Medaillon, um 1915

Die entzückende Petitesse eines rasch, quasi „im Galopp“ gezeichneten Reiters ... Man beachte die Hinterbeine des Pferdes.

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Ausflug, Salzkammergut ca. 1913

Intensives Aquarell, das eine Berglandschaft in Cinemascope zeigt und rechts daneben in Nahaufnahme zwei Spaziergänger. Obwohl abgetrennt, ist sie per Farbe in die glühende Gesamtstimmung integriert.

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Goethe tanzt vor Lady Hamilton, 1919

Durch die Anlage der Figuren im Vordergrund hat der Zeichner die Möglichkeit, die sonstige Verknappung seiner Gestalten einmal auszusetzen und Details zu betreuen. Man beachte aber den miniaturisierten Verkehr auf der Hinterbühne - sehr barock!

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Variante zu „Mexico“, um 1918

Reizvoll die Mischung aus schnellem Strich und Detailbetreuung, beides ist dem Zeichner gleich wichtig im graphischen Erleben.

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Versuche, um 1918

ER sitzt im Häusl-Labor, ganz bei sich, SIE hat die Hosen an und bereitet die Szene rechts vor, die eindeutig an ein erotisches Rencontre denken lässt.
Der Zwergbully lugt vorsichtig um die Ecke und hält sich bedeckt.

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Zu „Erziehungswesen“, 1921

Zu dieser „Erziehung“ gehört die lockende Versuchung, nur mit den Augen genießen zu dürfen, also die erzwungene Reduktion auf die Rolle des Voyeurs. Der biographische Kontext ist nachzulesen im Buch „Forscher im Zwischenreich“.

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Kirke, 1919

Diese Dame hat ein ganzes Repertoire an Verwandlungen zur Verfügung, die teils in den Bäumen hängen, teils als Vierfüßler beigeordnet sind. Der Groteskmusikant ist nur eine weitere Option für die Metamorphose der Männer. Oder gehört er zur Belegschaft? Es lebe der kleine Unterschied!

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Eremitenbaum, 1918

Wegen Überfüllung vorübergehend geschlossen!

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Traumlokomotive II, 1920

Der ganze FHO mit komischen alten Männern und der gestiefelten Carmen. Dem psychoanalytischen Gehalt mag der Betrachter selbst nachspüren, es sind mehrere Lesarten möglich. Allemal ist das Geschlecht der Frau die Zugmaschine der Männer.

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Die drei Grazien, um 1918

Eines der häufigen Themen des Zeichners, ebenso esoterisch wie erotesisch, Verzeihung: erotisch ...
Hat FHO vielleicht das Trio zeichnerisch stets rekapituliert wie ein Obsessiver, der die Wunschzeichnung zur magischen Beschwörung nutzt?

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Gehängte, 1919

Wie fast immer ist eine Irritation eingebaut. Hier ist es die Frage, ob der Reiter, der sich nicht einmal im Sattel halten kann, die zwei Gehängten in letzter Minute retten oder ganz zur Ruhe bringen will.

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Szenen, um 1920

Mindestens sieben typische fertige Zeichnungen, eben nur sehr klein eine jede, ergo ein Blatt mit „Visionsbriefmarken“.

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Zum „Gaulschreck im Rosennetz“ , um 1921

Oben: „Dem Hausmeister Kumetter sind die Schäkereien ein Greuel.“
Unten: „Die antike Statue im Hausflur.“

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Szene zum „Gaulschreck im Rosennetz“, 1921

„Hofpfeifer Beethoven bedroht Hofzwerg Zumpi mit der Fliegenklappe" (Werkausgabe S. 24)

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Nach den Gestaden Elysiums, um 1921

Zum „Gaulschreck im Rosennetz“, Werkausgabe S. 85.

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Apoll: Ein pudelnackertes Fräulein, um 1926

Vier theatralische Szenen. Das Fräulein natürlich im Zentrum.

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Zu „Der Kommandant von Kalymnos“ , um 1925

Dazu x-mal das Carmen-Köpfchen – wer herausbringt, wie viele es genau sind, darf das Blatt erwerben!

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Tarantella, um 1925

Casanova (?), im Tanz begleitet von weiteren kleinen Figuren, darunter zwei „Geschlechtsweiserinnen“.

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Papier-/Scherenschnitte, zwischen 1905 und 1910

In der Tradition der biedermeierlichen Kleinkunst, der Welt seiner Eltern und Großeltern entlehnt.

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Zum Ballett „Bajaderenopfer“, um 1927

Duftige Bewegungsskizzen teilen dynamisch das Blatt in der Diagonalen.

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Nach getaner Arbeit, um 1922

Der allegorische Selbstkommentar auf eine erfolgreiche Arbeitssitzung des Zeichners, vielleicht das letzte Blatt vor dem Essen oder Schlafengehen?

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Ja – dees Denkmal hat Hand und Fuß! 1940

Man beachte: 1940 ...

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Leda, um 1930

Mir schwant, es geht um eine mythologische Vorlage aus der Frühjahrskollektion von – sagen wir einfach: 1715 ...

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Erscheinungen, um 1925

Oben:
A: Schau dir die an, was für Kürbis!
B: I steh mehr auf die Apferl!

Unten: Nix los gwest heut!

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Der Muttertrompeter, um 1922

Der künftige Besitzer des launigen Blattes, dem wir zum Erwerb herzlichst gratulieren, wird hiermit höflichst gebeten, den Zusammenhang der Literaturangaben auf den präsentierten Buchrücken allfälligst zu erforschen und dem Unterzeichner baldmöglichst Bescheid zu erteilen.